Obsoleszenz-Management – Der kontrollierte Produkttod

In regelmäßigem Rhythmus bietet uns der freundliche Discounter von der Ecke den neusten, tollsten und nicht mehr zu toppenden Multifunktions-, All-in-Wonder-Drucker an. Und das – entgegen der ersten Erwartung – zu einem erstaunlich niedrigen Preis. Der gemeine Käufer ist zunächst skeptisch, kann aber erst mal keinen Haken finden. Das Gerät wird gekauft, funktioniert und das schlechte Gefühl schwindet … Es kommt jedoch sehr schnell zurück, wenn die Tintenpatrone das erste Mal, und nach erstaunlich kurzer Nutzungsdauer, leer ist. Denn diese kostet im Allgemeinen fast so viel wie der Drucker selbst (inklusive Patrone). Dieses Phänomen des (schnellen) Verschleißes (der ersten Patrone) ist unter dem Namen „Obsoleszenz“ bekannt.

Ganz allgemein gesprochen beschreibt der Begriff Obsoleszenz die natürliche oder künstliche Alterung eines Produkts. Obsolet ist somit der Definition nach ein hinfälliges oder nicht mehr zu gebrauchendes Produkt. Oftmals ist das obsolete Produkt eigentlich noch funktionsfähig, aber:

  • Schnittstellen funktionieren nicht mehr (funktionale Obsoleszenz, z. B. ein MS-DOS-Programm unter Windows 7 oder ein alter Lautsprecher an einem modernen Verstärker),
  • Ersatzteile sind nicht mehr zu beschaffen (Oldtimerfans dürften das Problem kennen),
  • das Produkt ist nicht mehr ansprechend (psychische Obsoleszenz, insbesondere bei Kleidung anzutreffen) oder
  • die Kosten rechtfertigen keine Wartung bzw. Reparatur (häufig in der Elektronikbranche auftretendes Phänomen).

Nun ist der Austausch eines Produkts gegen ein neues, effizienteres eine prinzipiell sinnvolle Sache. Man denke an den Kauf eines neuen Autos, das nur einen halb so hohen Verbrauch wie der Vorgänger hat. Sauer wird man als Verbraucher aber dann, wenn man das Gefühl bekommt, dass ein Produkt nicht wegen des Verschleißes ausgetauscht werden muss, sondern weil der Hersteller „möchte“, dass man etwas Neues kauft. Mit diesem als geplante Obsoleszenz bezeichneten Phänomen beschäftigen sich auch viele Medien: ARTE – „Wegwerfgesellschaft – Die geplante Obsoleszenz oder Warum Dinge kaputt gehen“, SternTV – „Garantie abgelaufen, Gerät kaputt“, oder merkur-online – „Warum Produkte nicht länger halten dürfen“. Aus Verbrauchersicht ist diese Geschäftsstrategie also vor allem nervig und bisweilen teuer.

Wirklich kompliziert wird es mit der Obsoleszenz jedoch, wenn schnell obsolete Komponenten in langlebigen, schlecht wartbaren Industrieanlagen verbaut sind (Satelliten, Offshore-Windenergieanlagen, …). Hier treffen die kurzen Lebenszyklen der vielen Komponenten auf den langen Lebenszyklus der Anlage. Der (ungeplante) Ausfall der Anlage zieht oft sehr hohe Kosten bzw. die Außerbetriebsetzung nach sich – wer würde schon einen Servicetechniker zu einem Satelliten schicken …

Obsoleszenz

Wie begegnet man nun diesem Problem, insbesondere aus Sicht des Komponenten-integrierenden Anlagenbauers oder -betreibers? Egal ob man dem Hersteller böse Absichten unterstellt oder nicht, Fakt ist, dass Produkte bzw. Komponenten einen endlichen Lebenszyklus haben – aus welchem Grund auch immer. Also ist die Obsoleszenz und deren Management explizit ein Teil des Product Lifecycle Managements. Im Kontext dieser ganzheitlichen Produktbetrachtung lassen sich bereits früh Strategien gegen die geplante oder ungeplante Obsoleszenz von Komponenten entwickeln, zum Beispiel durch:

  • Einbau von (teureren) Komponenten mit versicherter Langlebigkeit bzw. mit entsprechend versicherter Ersatzteilversorgung,
  • vorausschauende Wartung/Austausch à la „Bitte wechseln Sie Ihren Keilriemen alle 80.000 km…“,
  • dem kontinuierlichen Monitoring wichtiger Ersatzteile hinsichtlich ihrer Verfügbarkeit,

Ich freue mich auf Ihre Meinungen, Ihre Ideen oder vielleicht sogar Ihre Lösungsstrategien zu diesem Thema. Abschließend sei noch auf die COG Deutschland – Component Obsolescence Group verwiesen – einem Arbeitskreis, der sich mit genau diesem Problem beschäftigt.

Über den Autor

Autor: Sören Wittke

Sören Wittke

Diplom-Wirtschaftsingenieur und PLM-Consultant
Product Lifecycle Management ist für mich die ganzheitliche, strategische Betrachtung und Gestaltung eines Produktes – ganz im Gegensatz zu vielen Einzeldisziplinen wie beispielsweise Produktmanagement, Servicemanagement und Entwicklungsmanagement. Eben diese Komplexität durch die Verknüpfung vieler Geschäftsprozesse und -ebenen machen PLM-Projekte für mich zu einer anspruchsvollen (Koordinations-)Aufgabe.

5 Kommentare

  1. Sören Wittke sagt:

    In den letzten Tagen hat das Thema Obsoleszenz-Management oder “Geplante Obsoleszenz” viel Aufmerksamkeit erfahren. In diesem Kontext sind einige interessante Artikel entstanden. Für Interessierte: Focus, Facebook oder Golem

  2. Sören Wittke sagt:

    Hallo Herr Schridde,

    ich hab mir einmal die Seite von “MURKS? NEIN DANKE!” angesehen: die Aktion finde ich super. Nichts ist ärgerlicher und vor allem teurer als bewusst manipulierte Produkte.

    Ich darf aber derzeit erleben, dass es auch anders geht: In meiner Tätigkeit als PLM-Consultant habe ich derzeit mit einem Projekt zu tun, bei dem es sich ein Hersteller zum Ziel gesetzt hat, die Lebenszyklen verschiedener Module eines Produkts zunächst transparent zu machen um die Kunden rechtzeitig auf mögliche Probleme hinzuweisen. Kunden sind hier allerdings andere Unternehmen – es geht also um sehr teure Investitionsgüter.

    Letztlich zeigt sich, dass sich unterschiedliche Lebenszyklen von Modulen in einem Produkt mit vertretbarem Aufwand (z. B. einem systematischen Product Lifecycle Management) darstellen lassen. Nicht nur im industriellen Kontext, auch als Verbraucher darf man also ein stimmiges Produkt verlangen!

    Haben Sie in Ihrer Tätigkeit vielleicht auch sehr positive Beispiele für den Umgang mit dem Thema bzw. dem Management von Obsoleszenz gesammelt?

  3. Stefan Schridde sagt:

    Vor der COG durfte ich bereits meine erfolgreiche Kampagne gegen geplante Obsoleszenz “MURKS? NEIN DANKE!” vorstellen und freue mich stets über einen fachlichen Austausch mit Experten wie Ihnen. Kommen Sie bei Interesse gerne auf mich zu.

    http://www.murks-nein-danke.de

  4. Sören Wittke sagt:

    Hallo Herr Ruflair,

    was für Erfahrungen haben sie im Bereich insbesondere des proaktivem OM gemacht bzw. wie gehen Sie vor? Auch würde mich interessieren welche Tools Sie einsetzen – nach einiger Recherche konnten wir leider keine “offiziellen” OM Tools finden.

    In einem Kundenprojekt befinden wir uns derzeit in der Endphase der Entwicklung eines Tools auf Basis eines PLM Systems. Bei Interesse, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

  5. Sönke Ruflair sagt:

    Wir befassen uns seit mehreren Jahren mit diesem Thema und bieten auch Dienstleistungen zum proaktivem als auch reaktivem OM an. Ausserdem sind wir an Informationen über Optimierungstools interessiert.

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